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Und ewig grüssen die Achtziger:

Die Nuller Jahre - ein einziges Revival?

07/12/09

Spotlight

07/12/09 by bhl

Weihnachten. Die Zeit der Wiederholung. Es fängt an mit: „Jetzt isses erst Oktober und beim Lidl stehen schon die Schoko-Weihnachtsmänner rum“, findet seine Steigerung in der Endlosschleife von Liedern, die allesamt Schellengetöse als Grundrhythmus gemeinsam haben und kulminiert im Familiendrama unter dem Weihnachtsbaum.

Um diese Wiederholungen geht es hier nicht. Unser Thema sind die Nuller-Jahre. Das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends. „The turn of the century.“ - Zeit für eine Bilanz.

 

FALSCHE VERSPRECHEN

Vom „Turn of the century“ hat man sich Aufregendes und vor allem Neues erwartet. Betrachtet man Zukunftsvisionen aus dem letzten Jahrhundert, dann musste man damals davon ausgehen, dass wir im Jahr 2000 auf dem Mars spazieren gehen, uns mit Laser-Apparaturen rasieren und tragbare CD-Spieler mit uns führen. Nun, nicht alles ist eingetroffen, aber wenigstens haben wir unsere Musik inzwischen immer bei uns.

Was aber ist aus all den anderen Neuerungen geworden? Was den Autor dieses Artikels angeht – der fühlt sich seit der Jahrtausendwende in einer Zeitschleife gefangen. Eine Schleife, die uns in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts befördert.

 

ALLE 20 JAHRE WIEDER

Angefangen – so scheint es – hat alles mit dem, was später als Electroclash vermainstreamt wurde. 2001 zum Beispiel hat eine Miss Kittin in den Clubs von Berlin in die Synthie-Tasten gehackt und ihr Kollege DJ Hell hat die martialischen Electronic Body Beats von Bands wie Nitzer Ebb und DAF wieder ausgekramt - ziemlich genau 20 Jahre nach der Gründung dieser Bands.

Der unterkühlte Takt der Achtziger: „Thrash Me“ von Malaria, live im Kreuzberger SO 36


Dann scheint sie also doch zu gelten, die 20-Jahres-Regel. Imogen Edwards-Jones behauptet in ihrem Insider-Bericht aus der Modebranche „Fashion Babylon“, dass sich – zumindest Modedesigner – gerne nach zwei Dekaden aus dem Topf der Geschichte für ein Revival bedienen.

 

EINE EINFACHE GLEICHUNG

Schauen wir uns also die Geschichte des Revivals in den letzten Jahrzehnten an. Das erste, an das sich der Autor erinnern kann ist das Sechziger-Revival in den Achtzigern. Mods fuhren wieder auf Motorrollern durch die Gegend und Rockabillies machten sich über sie lustig. 80 – 60 = 20. Korrekt.

In den Neunzigern dann haben wir angefangen, Second-Hand-Läden nach bunten Polyester-Hemden mit spitzen Monsterkrägen aus den siebziger Jahren zu durchwühlen. Und weil wir uns so gerne gegen unsere Eltern abgrenzen, haben wir uns gefreut, als unsere Mutter bei unserem Anblick in Entsetzen ausbrach: „Iiiiiihhhhh! Hüfthosen mit Schlag. Die würde ich niiieeee wieder anziehen!!!“

Die Regel scheint also zu stimmen.

Vielleicht liegt das daran, dass wir uns alle nach unserer Jugend zurück sehnen – oder zumindest nach dem, was wir in unserer verklärten Erinnerung dafür halten. Und genau 20 Jahre später sind die Geschmacks-Entscheider dann in der glücklichen Position das umzusetzen, was sie sich für ihre Jugend wünschten. Modedesigner und Musiker zum Beispiel. 2001 war das dann... Genau: 1981.

Franz Ferdinand haben sich im Jahre 2001 zusammen getan. Und auch viele andere Bands, die sich auf Post-Punk und New Wave berufen, können sich durchaus hören lassen: Editors, Arctic Monkeys, Interpol.

 

SCHWARZ UND WEISS

Aber warum die Achtziger? Wir haben sie in den Neunzigern doch so gehasst!

Vielleicht liegt es am natürlichen Bedürfnis des Menschen nach Klarheit. Ein Beispiel: Vor den Neunzigern hieß es „hetero-, homo- und bisexuell“. Dann kam auf einmal „metrosexuell“ dazu. Was sollte das bedeuten? Was gibt es noch außer Sex zwischen Frau und Mann, Frau und Frau und Mann und Mann? Verwirrung machte sich breit. Die Neunziger gelten nicht umsonst als Jahrzehnt des „Anything goes“. In den Achtzigern dagegen herrschte Klarheit: schwarz und weiß (in der Einrichtung), in und out (in der Mode) und Ost und West (in der Welt).

 

VON RÖHRENJEANS UND NEBELSCHWADEN

Jetzt wissen wir also, warum wir uns 20 Jahre in die Vergangenheit sehnen. Aber ob wir auch wirklich alles zurück haben wollen, das ist die Frage.

Die erste Hälfte der Nuller haben wir im Underground der Achtziger verbracht. Die Mode blieb dunkel und rockig: skinny Jackets, Röhrenjeans und spitze Schuhe. Doch nach dem Dunklen folgt das Helle. Auch, wenn’s keiner wahr haben mag – das Unglaubliche ist nicht aufzuhalten. In Mitte, Shoreditch und Williamsburg trägt die Avantgarde wieder – ja – Bundfaltenhosen, Schulterpolster und als Mann sogar Schnauzer! Pastellfarben wie Mint und Hellgelb erleben ein Comeback.

Sophistication bei Chloé – Kollektion Herbst Winter 2009/10


Und was löst den Post-Punk in der Musik ab? Richtig: der Pop. Mit „Papillon“ verlassen selbst die Editors die Alternative-Ecke und landen im Seichten.

1984 betritt Madonna mit „Like a Virgin“ die internationale Bühne. 2008 kriegen wir’s dann mit Lady Gaga zu tun. Madame Durchgeknallt kümmert sich offensiv darum, dass die Achtziger im Mainstream ankommen. Videos wie das zu "Bad Romance" liefern kühlen Sex à la 9 ½ Wochen und erinnern an Vampir-Filme wie „The Hunger“ aus dem Jahre 1983. Der Film hat die Ästhetik der Videoclips der Zeit maßgeblich geprägt: Nebelschwaden, lange Schatten, wehende Vorhänge. Vielleicht ist das alles ein wenig zu sehr gedeutelt. Aber immerhin schürzt die Gaga ihre Lippen genauso wie die Blonde von The Human League.

Susan schürzt die Lippen: „Human“ von The Human League (1986)


DIE RACHE DES ARSCHGEWEIHS

Inzwischen sind wir am Ende der Achtziger... Ähem – Entschuldigung - unseres Jahrzehnts angelangt. Nach der Lektüre dieses Artikels wissen wir nun alle, was das bedeutet: 2010 – 20 = 1990. Die Neunziger stehen also vor der Tür: Grunge, Tekkkno, Arschgeweih.

Schauder.

In unserer heutigen Welt ist es fast unmöglich, Neues ohne Referenzen an Existierendes zu schaffen. Wenn man sich Revivals allerdings genauer anschaut, dann sind sie nur dann schlecht, wenn sie das Original eins zu eins imitieren. Auch, wenn „Papillon“ von den Editors noch so sehr an „Blue Monday“ von New Order erinnern will – er ist eindeutig ein Track von heute. Auch, wenn Achtziger-Referenzen bei der Gaga nicht von der Hand zu weisen sind, eine genaue Entsprechung gibt es nicht.

Ausschnitt aus „The Hunger“ mit Catherine Deneuve und Susan Sarandon (1983)


Und auch, wer versucht, die Klamotten, die er vor 20 Jahren eingemottet hat wieder aufzutragen, der wird merken, dass das nicht klappt... sie sehen alt aus. Nur die Neuinterpretation katapultiert die Vergangenheit ins Jetzt.

A propos einmotten: Lieber Dr. Motte, die Love Parade war ja nie wirklich weg – wir wissen, sie findet inzwischen im Ruhrgebiet statt. Aber laut der 20-Jahres-Regel steht uns nun das große Revival bevor. Wir wollen nie, NIE wieder Girlies in Sonnenblumen-Bikinis und pinkfarbenen Fellstiefeln über die Straße des 17. Juni hoppeln sehen. Vielen Dank.