Tocotronic
Schall & Wahn
2010, Vertigo Berlin (Universal)
Review
20/01/10 by jetiLiest man über das neue Tocotronic Album „Schall & Wahn“ heißt es immer wieder „Das ist das beste deutschsprachige Album 2010“. Eine gewagte These im Januar. Es werden ja bekanntlich noch elf Monate lang neue Platten erscheinen. Und wenn am Ende des Jahres Bilanz gezogen wird, wird man sehen, ob die vielleicht etwas überschwänglichen Kritiker recht behalten haben.
Fakt ist aber, mit ihrem neunten Album machen die gut angezogenen Herren konsequent da weiter, wo die Vorgänger „Pure Vernunft darf niemals siegen“ und „Kapitulation“ aufgehört haben. Das ist ja nicht die schlechteste Referenz. Und so erklärte Sänger Dirk von Lowtzow, wie immer etwas augenzwinkernd, mit dem neuen Album wäre nun auch „die Berlin Trilogie beendet“.
Zwölf Songs haben von Lowtzow, Jan Müller, Arne Zank und Rick McPhail für „Schall & Wahn“ aufgenommen. Der grandiose Opener „Eure Liebe tötet mich“ tut genau das, was der erste Song einer Platte machen sollte, er transportiert uns ganz behutsam in den Tocotronic Kosmos. Und wenn dann nach 01.40 min der Instrumental-Teil beendet ist und Dirk von Lowtzows Gesang einsetzt, dann kann das schon eine leichte Gänsehaut auslösen. Was folgt ist ein manchmal etwas heftiges Auf und Ab irgendwo zwischen –ja, richtig- „Schall & Wahn“.
Da wäre das leicht Morrissey-hafte „Ein leiser Hauch von Terror“, die toll-ruppige Single „Macht es nicht selbst“ mit ihrem Aufruf gegen die „Do It Yourself“-Mentalität und das ungewöhnlich akustische „Im Zweifel für den Zweifel“.
Und gerade bei diesem Song erleben wir im 17. Jahr des Tocotronic-Bestehens eine neue Facette. Streicher und Akustik-Gitarre, das hat es bisher noch nicht gegeben. Wer jetzt zweifelt, dem sei gesagt, es steht ihnen. Und zwar ganz famos. Vielleicht ist „Im Zweifel für den Zweifel“ sogar das beste Lied der Platte. Die Band selbst jedenfalls spricht von dem „zentralen“ Song des Albums.
Wer über ein Tocotronic Album schreibt, der schreibt meist vor allem über ihre Texte und deren Bedeutung. Was sicherlich für die Qualität der Songtexte spricht. Bei den Sportfreunden Stiller oder Silbermond passiert das ja schließlich nicht.
Doch –ganz ehrlich- wir versuchen uns hier jetzt nicht in der gefühlt 50. Interpretation der großartigen Toco-Texte. Scheitern wäre da vorprogrammiert. Oder um es mit Sänger Dirk von Lowtzow im Interview mit dem FOCUS zu sagen: „Ich finde es besser, zu der Musik und zu den Texten zu tanzen, zu knutschen oder etwas dazu kaputt zu schlagen, als daran herum zu interpretieren.“
Bleibt uns eigentlich nur noch eins: Ja, zu „Schall & Wahn“ kann man tanzen, knutschen und etwas kaputt schlagen. Ob es das beste deutschsprachige Album 2010 wird, das weiß wirklich kein Mensch. Eines der formschönsten Cover des Jahres haben sie bestimmt: das herrliche Blumenbouquet des holländischen Konzeptkünstlerduos De Riijke/De Roiij ist eigentlich untopbar!






