Selig
Artist Profile
Artist Profile
26/01/09Seattle war verdammt weit weg. Als Ende 1991 von der nordamerikanischen Stadt aus Grunge seinen Siegszug durch de Jugendzimmer antrat, war Rock auf Deutsch fast noch undenkbar. Nur wenige Musiker konnten das kollektive „Igitt“ wegstecken, das nach der Neuen Deutschen Welle immer dann ertönte, wenn in der Muttersprache gesungen wurde. Grönemeyer und Westernhagen hatten ihr Stammpublikum zwar aus den achtziger Jahren in die neue Dekade hinübergerettet, aber von neuen Bands fehlte jegliche Spur. Auf MTV Europe, wo im besten Falle Die Toten Hosen einen Videoclip lang das popkulturelle Deutschland repräsentieren durften, gab es aber auf einmal diese Band aus Hamburg zu bestaunen. „Selig“ hieß sie und sie brannte sich in das kollektive Gedächtnis ein, wie wohl kaum eine andere Band. Der Grund: Bis heute gilt das Hamburger Quartett als die einzige deutschsingende Grunge-Band.
Reeperbahn und Indie-Rock
Ende 1992 laufen sich Sänger Jan Plewka und Gitarrist Christian Neander in einer Hamburger Kneipe über den Weg. Die beiden beschließen, Selig zu gründen und im Sauseschritt wird aus dem Plan eine der wegweisenden deutschen Rockbands der neunziger Jahre. Mit Malte Neumann (Keyboard), Leo Schmidthals (Bass) und Stephan „Stoppel“ Eggert (Schlagzeug) finden die beiden in Windeseile drei weitere Mitstreiter und nur ein Jahr später steht im Frühsommer 1994 das gleichnamige Debütalbum „Selig“ in den Läden. Fast so scheint es, als hätten sich da fünf gesucht und gefunden.
Die Hamburger Schule
Doch dass Selig im Rekordtempo von Bandgründung über Plattendeal zur Albumveröffentlichung rasen, liegt zu einem gewissen Teil auch an ihrer Heimatstadt. Denn Hamburg gilt in der ersten Hälfte der neunziger Jahre als die Musiker-Stadt Deutschlands. Blumfeld, Die Sterne, Tocotronic – zahlreiche Indie-Bands werden hier gegründet, von der sogenannten „Hamburger Schule“ ist die Rede, die Stadt quillt über vor lauter Bands. Während Berlin und München wenig Neues im Rock-Sektor zu bieten haben, erlebt der norddeutsche Stadtstaat einen ungewöhnlichen Gitarren-Aufschwung.
Wir Sind Hier Nicht in Seattle, Dirk
Nachdem sich Selig in Hamburg mit zahlreichen Gigs eine Fanbasis erspielt haben, folgt in kürzester Zeit auch der Rest Deutschlands. Der „Hippie-Metal“ (Selig über Selig) passt aber auch einfach zu gut auf den Mixtapes zwischen die Songs von Pearl Jam und Alice In Chains. „Wenn ich wollte“ oder „Sie hat geschrien“ laufen auf Dauer-Rotation bei MTV und VIVA und machen die fünf Hamburger einem noch größeren Publikum bekannt. Mit der dritten Single „Ohne Dich“ gelingt Selig dann das Kunststückchen, eine Ballade auf Deutsch zu schreiben, die es schafft herrlich unpeinlich zu klingen.
Hier: Selig
Angestachelt vom Erfolg, erscheint 1995, nur ein Jahr nach dem Debütalbum, das zweite Album der Band. „Hier“ klingt wesentlich experimenteller als das grunge-lastige Debüt, steigt aber sofort bis in die Top 20 der deutschen Albumcharts. Zwei Jahre lang spielt die Band auf den großen Festivals wie „Rock am Ring“ und hetzt von Interview zu Interview. Selig so scheint es, stehen im Mittelpunkt des deutschen Musikgeschehens. Zwar ist die Band weit entfernt von den Verkaufszahlen, die Grönemeyer und Co. nach Hause fahren, dafür aber locken die Hamburger aber auch ein ganz anderes Publikum an – Grunge- und Alternative-Fans. Die Musikpresse hat auf jeden Fall einen neuen Liebling.
Til Schweiger klopft an die Tür
1997 kommt es dann mit dem wesentlich poppigeren Album „Blender“ zur Kehrtwende. Grunge war gestern, heute geht Pop – wenn auch experimentell. Kurz darauf klopft Til Schweiger bei den Hamburgern an die Tür und bittet darum, dass sich die Band des Soundtracks für des Film „Knocking On Heaven’s Door“ annimmt. Selig sind da angekommen, wo ansonsten eher Grönemeyerr und Westernhagen wildern: Ganz oben im Mainstream. Und genau daran zerbricht die Band im Rekordtempo. Denn der schnelle Aufstieg hinterlässt eher unschöne Nebenwirkungen.
Die Trennung
Kurz nachdem der Soundtrack zu „Knocking On Heaven’s Door“ eingespielt wurde, legt die Band offiziell eine Pause ein. 1999 melden sich die fünf Hamburger zurück, allerdings mit keinen guten Nachrichten – Selig wird offiziell aufgelöst. In den kommenden Jahren versuchen sich die Musiker immer wieder an neuen Bands, doch der große Erfolg bleibt sowohl bei Stephan Eggert und Jan Plewka (spielen gemeinsam bei „Zinoba“ und „TempEau“) als auch bei Christian Neander („Kungfu“) aus.
Die Reunion
Im August 2008 dann, fast zehn Jahre nach der Auflösung, findet die Band wieder in Originalbesetzung zusammen und verkündet, dass es ein neues Album geben werde. Besonderes Schmankerl: Der Produzent Moses Schneider legt Hand an. Der Berliner hatte zuletzt die Beatsteaks, Turbostaat und Tocotronic zu Höchstleistungen angetrieben. Anfang März 2009 erscheint mit „Schau Schau“ dann die Vorab-Single zum vierten Selig-Werk „Und Endlich Unendlich“. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja bald auch wieder ein Grunge-Revival. Zumindest die Holzfällerhemden von damals erfreuen sich ja wieder großer Beliebtheit.









